Immaterielle Vermögenswerte bilden einen wesentlichen Bestandteil des Unternehmenswerts und des Kaufpreises

Oftmals sind sich Unternehmer zu wenig klar bewusst, wie immaterielle Werte im Unternehmen zu bewerten sind und wie diese Vermögenswerte in die Verkaufsverhandlungen eingebracht werden können.

Dabei machen diese oftmals einen bedeutenden Anteil am Gesamtkaufpreis aus.

 

Der Unternehmer ist überzeugt, den Wert seines Aktienanteils zu kennen – und liegt dennoch hin und wieder falsch.

Der Käufer wiederum hofft, dass die Firma auf mittlere Sicht wesentlich mehr einbringen wird, als er heute dafür aufwirft. Und muss sich letztlich – trotz intensiver Prüfphase – doch auf sein Bauchgefühl verlassen.

Daher taktieren beim Unternehmensverkauf beide im Graubereich und versuchen, das fehlende Wissen um die eigentlichen Werttreiber mit der Art der Verhandlungsführung zu kompensieren. Es bleibt, trotz aller Analysen, also ein Stochern im Nebel.

 

80 Prozent des Unternehmenswerts

Dabei gäbe es Alternativen. Studien bekräftigen beispielsweise seit Jahren, dass Unternehmen bis zu 80 Prozent ihres Werts dem intellektuellen Kapital verdanken – dieses aber nirgendwo ausgewiesen wird.

Dazu zählen einerseits die fachliche Qualifikation, die Motivation und die soziale Kompetenz von Geschäftsleitung und Mitarbeitenden sowie Patente und Urheberrechte.

Anderseits tragen auch die Organisation, die Technologien und die Prozesse sowie die interne Kooperationskultur zum Erfolg bei, ebenso wie das Wissen über Kunden oder die Vernetzung mit Partnern.

 

Welche Faktoren spielen eine Rolle?

Diese Faktoren werden stark durch die Ausbildung der Mitarbeitenden, die Inhalte und die Dauer der Weiterbildung, die Höhe der Fluktuation, die absolute und relative Anzahl an Neukunden, den Zufriedenheitsgrad der Kunden oder die Häufigkeit der Kundenbesuche beeinflusst.

Dazu kommen der Grad der realisierten Projekte oder die Fülle erfolgreich umgesetzter Massnahmen.

Zwar fliessen die Ergebnisse aus diesen Faktoren früher oder später in der einen oder anderen Form auch in die regulären Jahresrechnungen ein – aber eben: erst später und damit zu einem Zeitpunkt, der für die aktuelle Unternehmensbewertung keine greifbaren und belastbaren Resultate ermöglicht.

 

Harte Fakten oder qualitative Ansätze?

Wenn sich strategisch denkende Käufer somit für ein bestimmtes Unternehmen entscheiden, stehen nach wie vor die herkömmlichen quantitativen Faktoren wie Umsatz, Rendite, Cash-Flow, das Wachstum, die Margen, die Höhe der bisherigen Investitionen oder die Kosten des Kapitals im Vordergrund.

Dabei werden aber die Ursachen, die hinter diesen Zahlen stehen, zu wenig beachtet. Verliert das Unternehmen beispielsweise im Rahmen der Nachfolge langjährige erfahrene Mitarbeiter oder steigt die Fluktuation steil an, geht entscheidendes Know-how unwiederbringlich verloren.

Um dem vorzubeugen, müsste sich das Management frühzeitig und ernsthaft mit den Konsequenzen und den Gegenmassnahmen auseinandersetzen. In der Regel ist es jedoch eher so, dass die Brisanz, die im schleichenden Verlust von Know-how liegt, schlichtweg nicht erkannt wird.

Zudem will der eine oder andere Geschäftsführer nicht wahrhaben, wie drastisch sich der Verlust von Wissen und Erfahrung auf den künftigen Wert des Unternehmens auswirken wird.

Fassen wir zusammen: Wir sind uns gewohnt, mit «harten» Fakten umzugehen. Bei den qualitativen Ansätzen, also den immateriellen Vermögenswerten, fehlen aber in der Regel der Blick, die Erfahrung und die Einsicht, wie wichtig diese für die weitere Entwicklung tatsächlich sind.

 

Immaterielle Werte stärker gewichten

In der Praxis der klassischen Unternehmensbewertung werden bekanntlich die bisherigen Leistungen und Assets, aber auch die künftigen Zahlungsströme abgeschätzt und bewertet.

Auf diese Weise sind jene Faktoren, die künftig den Wert des Unternehmens widerspiegeln, zwar indirekt im Fokus.

Aber genügt dies, um den aktuellen Wert und – vor allem – das Potenzial des Unternehmens wirklich ausreichend zu erfassen?

Damit kommen wir zu einer Frage, die nicht mit den üblichen Messmethoden zu beantwortet ist. Wie sollen die sozialen Bindungen, die interne Vernetzung, die Nähe zu den Kunden oder die Effizienz der Geschäftsprozesse mit den bestehenden Modellen bewertet werden?

Als Lösungsansatz bietet sich an, die immateriellen Werte und ihre Einflussfaktoren auf eine Art Wissenskarte zu projizieren. Auf der Basis vordefinierter Kriterien können so die einzelnen Elemente anhand ihrer Bedeutung in ein Koordinatensystem eingetragen werden.

Aufgrund der Lage und Grösse der jeweiligen Punkte ist es danach möglich abzuschätzen, welches Potenzial besteht und wie die Massnahmen aussehen, mit denen sich die eigentlichen Werttreiber erhalten und weiter ausbauen lassen.

In diesem Zusammenhang kann es sinnvoll sein, sich im Vorfeld mit zwei Kernfragen auseinanderzusetzen.

  1. Was macht den Unternehmenserfolg heute und morgen tatsächlich aus?
  2. Welche Massnahmen trifft das Management, damit das immaterielle Vermögen weiterentwickelt und optimal genutzt werden kann?

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, sollte sich das Management eine Systematik aneignen und ein Vorgehen wählen, wie es auch bei der Entwicklung der Unternehmensstrategie favorisiert wird:

  • Was hat uns in der Vergangenheit stark gemacht?
  • Welches Wissen benötigen wir konkret, um unsere Leistungen zu erbringen?
  • Was braucht es, um die Geschäftsstrategie umzusetzen?
  • Wie muss es in Bezug auf Kunden und Wettbewerbsfähigkeit entwickelt werden?
  • Was von unserem Wissen ist einzigartig und notwendig, um uns auch in den nächsten fünf Jahren erfolgreich zu positionieren?

 

Fazit

Leif Edvinsson, der «Vater» des intellektuellen Kapitals, bringt die Herausforderung übrigens treffend auf den Punkt: «Das Management wird mehr und mehr in Themen wie Kultur, Wertvorstellungen, Ethos und immaterielle Werte investieren müssen.

Statt zu managen müssen sie zu Kulturführern und Geschichtenerzählern werden, um Intellekt anzuziehen.» Oder, um nochmals auf die Anfangsfrage zurückzukommen: Möglicherweise ist das Unternehmen mehr wert, als es auf den ersten Blick scheint. Nur weiss das heute niemand so recht.

 

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